jürgen wagenbach
...schreibt nicht mehr,
* 24.08.1967 - † 27.03.2009
aber wir können ihn lesen:
(Jürgen Wagenbach / Meine erstunkene Vita / April 2008)
„In den Kriegswirren des Jahres 1967 erblickte ich als Sohn des hessischen Orgelbaumeisters Peter Josef Wagenbach und der weltweit unbekannten Schauspielerin und rheinischen Pädagogin Anneliese Wagenbach das Licht der Welt in Limburg an der Lahn. Unter dem Schock dieses Ereignisses ging ich 1968 ins Exil nach Neuss am Rhein, wo ich unbehelligt von Welt, Kunst oder Leben meine Schulbildung absolvierte, bis ich 1988 mit Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife erkennen sollte, dass nun Schluß damit sei.
Erste Auslandsreisen führen mich an Grenzen meiner Auffassungsgabe, des Eisernen Vorhangs und prominenter Figuren des geistigen Lebens.
1989 gelingt mir die Verschmelzung der Techniken der Hinterglasmalerei mit denen des gemeinen Kreuzstichs. Eine große Herausforderung stellte der Auftrag des ökumenischen Domkonvertikels dar, das Kaufbeurener Ostertuch mit dreidimensionalen Allegorien der Vergänglichkeit, der Demut und des guten Geschäfts zu versehen.
Studium der Slawistik, Philosophie und Politologie in Köln
Künstlerfreundschaft mit Prof. Wassilij Andratsch, exilungarischer Geheimdienstsaxofonist: Experimentelle Projekte, die große westafrikanische Reibelautverschiebung mit dem abendländischen Quintenzirkel zu einer hörbaren Symbiose zu vermählen, werden von der Fachpresse sehr verhalten aufgenommen (Einhelliges Lob bloß für meine nadelspitz zugefeilten Begriffsunschärfen).
Studium der Paläofinnougristik an der Fernuniversität Kiel
Heirat mit meiner ersten Frau Katharina
Gründung der virtuellen Galerie „Traum und Excrement“
Studium der Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und Philosophie in Düsseldorf
Beim Dritten Nicäischen Konzil bin ich in meiner Eigenschaft als Künstlerischer Berater des Popen von Soltau nur als Manöverbeobachter akkreditiert. Nach einem wütenden Streit über mein „Manifest zum expressionistischem Naturalismus in der Darstellung der Jungfräulichkeit Mariä – Spreizungen und Streichungen“ mit dem Vizesekretär der Glaubenskongregation, Kardinal Enzo Giancarlo, Bruch mit dem apodiktischen papistischen Rom.
Übertritt zur anglikanischen Kirche
Meine Frau verlässt mich, um mit Prof. Andratsch das Scheppern nordkoreanischer Reisschüsseln auf myosophische Schlüsselreize zu erforschen. Nach Ablegen der Queen Elisabeth 2 breche ich mit der Musik. Ich sollte nie wieder eine Okarina in die Hand nehmen.
Vielversprechende Laubsägearbeiten in West- Sussex
Als Stipendiat der isländischen „Gesellschaft für Idiosynkrasie und Klephtenlieder“ lebe ich recht auskömmlich. Das Wenige, was wir jenseits des Lebensnotwendigen brauchen, steuert meine zweite Frau Rachel bei, eine walisische Kinderbuchautorin und Erbin des bekannten britischen Gaschromatographenherstellers Sir Archibald Thelonius Merchand. Die aufwühlenden Umwälzungen der Wendejahre und der Zusammenbruch des Kommunismus sowjetischer Prägung spülen mich nach Berlin.
Umfangreiche Recherchen aufgrund von Hinweisen, die Autoren von „Holger Häschen“ und Oscar Wildes „Teleny“ seien identisch, fesseln meine Frau in Brest.
Gründung des Autorenkollektivs „Würzen statt Kürzen“
Die Verfilmung unseres Bestsellers „Kochen mit Robbenfett“ scheitert an der grandiosen Fehlbesetzung der Rolle der gesättigten Fettsäure mit einer ugandischen Debütantin.
Depression
Vortragsreihe in Wien zu Kubismus und Islam
Mäßiges Echo, doch die OECD wird auf mich aufmerksam. Auf einer Reise im Auftrag des Goethe-Instituts gerate ich in Libyen unter Spionageverdacht und kann erst nach diplomatischer Intervention ausreisen. Meine Adeptin Consuela de la Torrelavega erringt mit ihrer Arbeit über Puerilität im Terrorismus der Baader-Meinhof´schen Spielart eine Gastprofessur im niederrheinischen Weeze.
Stolz
Scheidung von meiner Frau Rachel
Sie folgt ihrer Geliebten, dem ehemaligen bretonischen Kinderstar Natascha Brezac, mittlerweile gefeierte Verfechterin des mehrstöckigen Bungalow-Lesbianismus, nach Belgien um dort eine Putenfarm zu errichten, die Massentierhaltung und Bauhaus miteinander versöhnen soll. Als Überreaktion schwöre ich dem Fleischkonsum und dem rechten Winkel ab.
Heirat mit Consuela
Die Verhandlungen mit RTL-Zwei über die Serienverwertung von „Robbenfett“ verlaufen schleppend und schlussendlich enttäuschend. Die Hausautoren des Senders verbiegen den Stoff zu einer seichten Comedy über Familienanwälte, die im Kinderprogramm gesendet werden soll. Nie wieder werde ich die Früchte meines Geistes so leichtfertig aus den Händen geben. Immerhin gestatten mir die Tantiemen ein bescheidenes Auskommen.
Bei den Restaurationsarbeiten der Frühstücksbrettchen der hl. Anastasia in Kloster Weingarten erweisen sich diese als geschickte Fälschungen, da die reiche Ornamentierung des Gewandes der „Maria Magdalena füttert die Steinreichen“ nichts anderes ist als die codierte Telefonnummer des „Kalifen von Köln“ (Abbruch der Arbeiten, monatelanger Prozess um mein Salär).
Freundschaft mit Dr. jur. Hauke von Plathen
Er überredet mich, das Angebot der „Stiftung Lautstärke“ der amerikanischen Hörgerätehersteller anzunehmen und das weltweit renommierte Fachseminar in Heidelberg zu leiten. Ich soll die Schreiarbeiten überwachen und verlasse erleichtert Berlin. Mein Gedichtband „Hörsturz“ wird von interessierten Zirkeln wohlwollend aufgenommen. Ich beende die Essay-Sammlung über Kubismus und Islam ohne resümierendes Ergebnis. Bei der OECD will niemand etwas von mir gehört haben.
Meine öffentliche Petition an das Oberhaupt der anglikanischen Kirche anlässlich des Todes von Lady Di bleibt im Wesentlichen unbeantwortet, bis auf ein paar aufmunternde Zuschriften aus Dinslaken und Caracas. Die verschliffenen Laryngale des Heidelberger Dialektes faszinieren mich mehr und mehr. Zurück in die Arme der Linguistik und an die nährenden Brüste der Alma Mater? „Hörsturz II“ erscheint als Hörbuch in Pfälzer Dialekt, wofür ich den Wormser Staatsschauspieler Friedensreich Oppeln gewinnen kann. Es ist der Überraschungserfolg des „Ludwigshafener Sprechherbstes“ und bleibt monatelang auf der Bestsellerliste des „Facit“.
Meine Frau Consuela gebiert ihrem Arzt im Praktikum gesunde Zwillinge. Nach der Scheidung wollen Dr. v. Plathen und ich eines der beiden Kinder adoptieren, scheitern aber an der Rigidität der süddeutschen Rechtsauslegung. Mit grossem Erfolg redigiere ich das Rechtsgutachten meines Freundes Dr. v. Plathen zur Adoptionspraxis, doch die Publikation lässt sich nur unter dem Pseudonym „Jürgen“ im Kopenhagener Untergrund bewerkstelligen.
Wer hätte damals gedacht, dass die Wahl dieser Tarnnamen der Grundstein zu meiner später sehr erfolgreichen Karriere als dänischer Synchronsprecher norwegischer Porno-Mangas sein sollte. Dabei sollten mir noch meine profunden Kenntnisse des Altniedernordfinnischen zupass kommen. Aber wer dachte vor 1998 schon an das überbordende Stimulationspotential einfacher finnischer Komparative in der dänischen SM-Szene?
Mit diesen akademischen Meriten, die überdies den Vorteil nicht enden wollender finanzieller Zuwendungen in sich bergen, lebe ich seitdem in Neuss, umgeben von einer handverlesenen Schar junger Elevinnen.
Ich widme mich der Pflege und Vervollständigung meiner Sammlung kostbarer Fabergé-Eier, nur ganz selten arbeite ich noch am ein oder anderen Monstranz-Überwurf. Meine alte Laubsäge spendet mir Trost, wenn ich sie wie in alten Tagen an meine Gespielinnen ansetze. Mit der anglikanischen Kirche habe ich gebrochen, aber leider vergessen, wozu ich konvertiert bin. Prof. Andratsch ist im koreanischen Grenzgebiet verschollen.
Was soll´s. Die Linguistik ernährt ihren Mann.“